Ein Satz sagt mehr als viele Zahlen: Über die Wirkung von Text und Schreibrobotern

Roboterhand und Menschenhand berühren sich beinahe als Metapher für automatisierte Texterstellung

Gehen die Redakteure wegen Schreibrobotern bald auf die Barrikaden? Nein, denn Schreibalgorithmen haben Grenzen und das Texten Zukunft. © Composer / Fotolia.com

Klassenkampfstimmung in der Texterbranche. „Nehmen Roboter Journalisten den Job weg?“ bekümmerte sich Adrian Lobe im April 2015 in der FAZ und versucht gleich darauf mit der Frage „Wo liegen die Grenzen der Schreibalgorithmen?“ tröstlich zu deeskalieren. Die automatisierte Texterstellung kann offenbar nicht mehr wegbelächelt werden.

Inzwischen scheint die Branche die künstliche Konkurrenz konstruktiv bis integrativ anzugehen: Zum Jahresende gewinnt das von Jakob Vicari programmierte Sensorjournalismus-Projekt „Ursuppe“ sowohl den 1. Platz beim Formatfestivals 2015 am Medieninnovationszentrums Babelsberg als auch den renommierten Titel Fachjournalist des Jahres in der Kategorie Wissenschaft des „medium magazin“.

Arbeiten, die von Maschinen getan werden können,
sollten von Maschinen erledigt werden. (Stanislaw Lem)

Was leistet die automatisierte Texterstellung?

Die automatisierte Texterstellung hat sich u.a. in Form von Sport- und Börsenberichten längst milliardenfach etabliert. Auf Basis der begleitenden Debatte und der praktischen Erfahrungen lassen sich ihre Stärken inzwischen deutlich benennen:

  1. Automatisierte Texterstellung macht uns Big Data fähig
    Sie ist das geeignete Werkzeug um massenhaft gesammelte Rohdaten (z.B. Wetter-, Sport- oder Unternehmensdaten) schnell und preiswert in Textform zugänglich zu machen.
  2. Automatisierte Texterstellung ist rezipientenfreundlich
    Die verwendeten Algorithmen sind so leistungsfähig, dass sie sprachlich völlig korrekte Texte erzeugen, die sie stilistisch treffsicher an definierten Zielgruppen ausrichten. Diese textliche Aufbereitung wird gegenüber einer rein zahlenbasierten, tabellarischen Darstellung von Lesern bevorzugt.
  3. Automatisierte Texterstellung unterstützt die Individualisierung von Information
    Sie ermöglich die effiziente Erfassung von Ereignissen, die nur für ein Nischenpublikum relevant sind, und die ansonsten nicht dokumentiert würden. Das sind bspw. ausformulierte Texte über lokale und regionale Sportereignisse, Finanzreports über kleine und mittlere Unternehmen.

Einigkeit herrscht weitgehend auch darüber, dass der Einsatz der automatisierte Texterstellung Verlage und anderen Dienstleister mit textlicher Wertschöpfung wirtschaftlich stärkt. Letztlich wird darüber auch die Position von Journalisten und Textern stabilisiert. Dass sie weiterhin genügend Arbeit haben, indem sie Perspektiven, Meinungen, persönliche Erfahrungen oder Recherchen in Texte fassen, ist eine Trivialität.

Der Mensch, das lesende Wesen. Was leisten Texte?

Also Entwarnung für die Texter!? Mehr noch: Das eigentlich erstaunliche ist der riesige Bedarf an Texten. Warum muss der Endstand des C-Jugendspiels der 5. Kreisklasse in einen Text gegossen werde? Warum soll der Jahresbericht eines M-Dax-Unternehmens als Text und nicht als Tabelle erscheinen? Eine wissenschaftliche Antwort scheint hier nicht in Sicht. Lesen gilt Hirnforschern als eher unnatürliche Tätigkeit.

Was sagen diejenigen, die mit Automatisierter Texterstellug Geld verdienen. Die US-Firma Automated Insights (Ai) beispielsweise, zu deren Kunden u.a. die Nachrichten-Agentur Associated Press zählt. Das Unternehmen wurde unlängst in einem Brandeins-Artikel portraitiert. Firmengründer Robbie Allen beschreibt da die Gründungsidee: „Ich war besessen von Sport-Statistiken, aber es nervte mich, wie sie aufbereitet waren. Zahlenkolonnen und Torten-Grafiken – fast unmöglich, diese mit Genuss zu konsumieren“.

Lesen als stark abstrakte Tätigkeit strengt das Gehirn an. Zahlen, Statistiken und Diagramme können diese Abstraktion bis zu Ermüdung treiben. Dazu kommt, dass Menschen Informationen –  und nicht nur Sportergebnisse – mit Interessen und Gefühlen verbinden. Die sinnvolle Aufbereitung von Daten und Informationen verlangt daher einen didaktisch klugen und stilistisch sensiblen Mix der Darstellungsformen.

Die mittels Schriebalgorithmen erstellten natürlichsprachlichen und stilistisch zumindest schematisch gefärbten Texte leisten dies – auf einem Basisniveau – offenbar erfolgreich. In Verbindung mit der Big Data basierten Möglichkeit, milliardenfach individuelle Interessen zu bedienen, gibt es dafür einen Markt.

Jenseits davon ist immer noch genügend Bedarf an kreativer Autorenschaft:

  1. In Form von ansprechenden Texten, die Informationen leicht zugänglich machen Und die durch das bewusste Spielen auf der affektiven Ebene Botschaften einprägsam machen.
  2. Und an anschaulich und emotional aufbereiteten visuellen Medien wie Graphiken und Video.

Nochmal Ursuppe – Ein Wissenschaftsjournalist setzt den Sensor-Journalismus in Szene

Und was war das jetzt mit der „Ursuppe“? Fachjournalist des Jahres ist kein Roboter, sondern Jakob Viacri geworden. Die Aufmerksamkeit galt aber dem von ihm voll automatisierten Setting: Fünf Urzeitkrebse (Trios longicaudatus) werden in einem Aquarium auf seinem Schreibtisch von Sensoren überwacht. Von der Geburt bis zum Tod, 60 Tage lang. Temperatur, Licht, Bewegung, Füllstand. Was die Sensoren messen, wird in eine Geschichte umgewandelt – automatisch, in Echtzeit und auf Abruf durch den Leser.

Das Projekt hat nicht wirklich nennenswert journalistische Texte hervorgebracht. Dass einer der deutschsprachigen Protagonisten des Wissenschaftsjournalismus den Roboterjournalismus auf die Agenda setzt, ist aber ein starkes Signal innerhalb der Branche. Und den Plan, Sensor-Daten aus industriellen Qualitätskontrollen oder Luftmess-Stationen automatisch zu Texten zu verarbeiten, hat auch Automated Insights schon angekündigt.  

Lesenswerte Artikel zum Thema

  • Schon 2012 reflektiert Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs, in seinem FAZ-Artikel „Roboter müssen unsere Rente sichern“, wie wir volkswirtschaftlich auf die zunehmende Automatisierung geistiger Arbeitsleitungen reagieren sollten. Die Texterstellung ist eines seiner Beispiele: FAZ, 18.5.2012, „Roboter müssen unsere Renten sichern“
  • Im August 2013 begegnete man in einem Zeit-Artikel den künstlichen Kollegen noch neutraler: „Mehrere US-Medien lassen Artikel mittlerweile von einem Algorithmus schreiben. Ist das ein Problem für die Journalisten – oder eine Hilfe?“ fragt Thomas Escher in der Zeit in einem Artikel über Quill, einer Plattform der automatischen Textgenerierung auf Basis der KI (Künstliche Intelligenz). Die Zeit, 15.8.2013, „Der Elektronische Reporter“
  • Automated Insigths produzierte 2014 eine Milliarde Texte und wird die Zahl 2015 verdoppeln. Ai erstellt damit mehr Artikel als die großen klassischen Medienunternehmen weltweit zusammen. Die Firma boomt. Brandeins, 07/2015 „Die Schreib-Maschine“
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